Fraktion vor Ort: Hagenweg 20/20a

2. Besuch am 31. März 2021

Bericht von Olaf Feuerstein, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion Göttingen

Der erste Besuch vor einigen Tagen im Hagenweg 20/20a war für unsere Fraktion ein sehr aufwühlendes Erlebnis, sodass wir uns sofort sicher waren, dass es nicht bei einem Besuch bleiben kann, sonst können wir hier nichts bewegen. Daher wird die CDU-Fraktion diese Immobilie solange besuchen, bis sich dort alle Zustände dauerhaft gebessert haben und das Wohnen dort wieder menschenwürdig geworden ist.

Nach jedem Besuch werden wir die Eigentümer als auch die Verwaltung separat anschreiben und formulieren Vorschläge zur Verbesserung der Situation. Zudem hoffen wir mit dieser dauerhaften Begleitung für die Bewohner weitere Unterstützer sowohl aus Ratskreisen, der Verwaltung und privater Personen und Einrichtungen zu bekommen. Unser Hauptinteresse gleich nach den Bewohnern gilt allerdings den Eigentümern, die hier bewusst diese Immobilie vernachlässigen und die gesundheitsgefährdenden Zustände in Kauf nehmen.

Am 31. März konnte ich mich mit meinem zweiten Besuch von knapp drei Stunden gleich mit sechs verschiedenen Bewohnern unterhalten. Gleich am Eingang traf ich auf drei bulgarische Familienväter, einer von ihnen besucht täglich seine Tochter und deren Kinder im Hagenweg. Er schaut nach dem Rechten, wie er sagt und kümmert sich. Er selbst lebt mittlerweile auf der Ruhstrathöhe und hofft durch Tipps und Kontakte eine freie Wohnung für seine Tochter ergattern zu können, ein schier aussichtsloses Unterfangen. Er beklagt die fehlende Hilfe des Sozialsamtes und sobald bei anderen Gesprächen die Adresse Hagenweg 20 fällt, ist eh alles vorbei. Er gibt die Hoffnung aber nicht auf. Auf meine Frage an die drei bulgarischen Familienväter, wie viele Kinder denn hier im Gebäude leben, sind sich alle schnell einig, dass es mindestens 50, eher sogar bis zu 70 Kinder sind. Mir bleibt angesichts der Zustände hierbei die Spucke weg. Wir wechseln das Thema und kommen zu den Müllbergen.

Heute ist Mittwoch und die vier 1100 Liter fassenden Müllcontainer sind nach der Leerung am Montag bereits fast wieder vollständig gefüllt. 4400 Liter Müllcontainer bei 164 Wohnungen und einmaliger Leerung immer montags kann einfach nicht funktionieren. Auch hier muss dringend Abhilfe her. Wenig später treffe ich drei Bewohner an einem Balkon auf der Ostseite des Hauses (Mutter, Tochter und Nachbar) und frage nach. Es folgt ein nettes Gespräch, indem ich immer wieder frage, was der/die Vermieter auf die diversen Probleme gedenken zu tun. Großes Gelächter bricht aus. Unzähliges Male haben sie ihren Vermieter immer wieder schriftlich und auch telefonisch gebeten die Anzahl der Müllcontainer zu erhöhen, passiert ist aber bis heute nichts. Offensichtlich wird hier bewusst von Seiten der Eigentümer gespart, anders ist das nicht erklärbar. Drei Balkone weiter links komme ich mit einem weiteren Bewohner ganz normal ins Gespräch, alle sind froh einen Zuhörer zu haben. Auch seine Mängel an und in der Wohnung sind wie bei seinen drei Nachbarn am rosa Balkon ellenlang. Heute habe ich an alles gedacht, nur nicht an einen Notizblock. Das Gespräch mit den vier Bewohnern und deren Erzählungen zu den Mängeln hat eine Stunde gedauert, die Liste der Mängel hätte ich schriftlich notieren sollen, so umfangreich waren sie. Ich werde nächste Woche alle vier Bewohner wieder aufsuchen, alle Mängel erfassen und diese dem Vermieter direkt zukommen lassen und um Abhilfe bitten. Das ist in diesem Fall etwas einfacher, alle vier haben den gleichen Vermieter und konnten mit den Namen nehmen, ich werde unverzüglich Kontakt aufnehmen.

Ich bin wieder bei den bulgarischen Familienvätern und einer von ihnen bittet mich einen Blick in die Tiefgarage zu werfen, was wir dann gemeinsam gern tun. Der riesige Müllberg ist allen Göttingern bekannt, er wächst wöchentlich und nur, weil dieser nicht am öffentlichen Straßenraum liegt, wird hier nichts abgeholt. Wie ich höre hat unsere erste Pressemitteilung vom 30. März 2021 schon Wirkung gezeigt: die GEB wird in den nächsten Tagen den Müllberg abtragen. Alle Garagen sind mit Bügelschlössern gesichert… aber warum?

Laut den Bewohnern sind für diese üblen Garagen zusätzliche 35 Euro pro Monat fällig, ich werde dies bei den Eigentümern hinterfragen. Wir gehen ganz tief hinein und ein Bewohner zeigt mir seine Garage Nr.216. An der Decke sichtbar eine seit Monaten defekte Wasserleitung, welche fast alle gelagerten Gegenstände trifft – eine freigeräumte Ecke und eine Gummimatte verhindern schlimmeres. Andere Garagen sind unverschlossen und randvoll mit Müll. Hier müssten sicherlich sehr viele Garagen ebenfalls aus hygienischen Zuständen komplett geräumt werden. Die Herren zeigen mir die Stelle an dem der Kellerbrand ausbrach, Kinder sollen hier gegrillt haben, Funkenflug führte zur Entzündung, der ganze Keller voll mit Brandlasten, an den Decken hängen unzählige nicht verkleidete Stromleitungen.

Ich bin wieder bei den drei sehr höflichen Bewohnern am rosafarbenen Balkon. Die ältere Dame berichtet, dass man ihr seit geraumer Zeit einen barrierefreien Zutritt zum Haus ermöglichen wollte, aber auch hier passiert nichts, außer Lippenbekenntnissen der Eigentümer. Seitdem kann sie das Haus kaum verlassen und hofft immer noch auf Besserung in Sachen Fahrstuhl oder Rampe zum Haus. Ihre Enkelin und ihre Tochter wohnen ebenfalls hier im Hagenweg 20. In der Regel haben diese Wohnungen 16 – 23 m² und an Miete sind zwischen 520 – 570 Euro monatlich zu berappen. Angesichts der Zustände ist der Mietzins abartig hoch. Die Enkelin zeigt sich nicht, zu peinlich ist ihr die Adresse, daher erwähnt sie auf Nachfrage bei Schulfreunden immer nur im Blümchenviertel zu wohnen, an Besuch ist für sie gar nicht zu denken.

Ich werde nächste Woche alle Mängel vor Ort aufnehmen, mich haben die Zustände fassungslos gemacht. Beeindruckt bin ich von Freundlichkeit der Bewohner und der Art ihre Probleme sehr sachlich ohne Groll zu schildern, obwohl alle angetroffenen hier sicherlich deutlicher werden dürften.

Daheim lasse ich alle Eindrücke von diesem Termin einmal sacken und fasse die Aufforderungen, Bitten und Wünsche in dieser Meldung zusammen. Alle Eigentümer werden den wöchentlichen Bericht per E-Mail erhalten. Handelnde Personen bei den Eigentümern sprechen wir persönlich nur im separaten Schriftverkehr namentlich an.

Aufforderungen an alle Eigentümer:

  • Bitte erhöhen Sie umgehend die Anzahl von 4 auf 6 Müllcontainern à 1100 Liter Fassungsvermögen.
  • Bitte schaffen Sie zudem weitere 2 Container für Papier und weitere 2 gelbe Container an.
  • Die zusätzlichen Kosten werden nicht auf die Mieter umgelegt.
  • Bitte veranlassen Sie umgehend durch den Hausmeister die Entmüllung des gesamten Geländes.
  • Bitte unterstützen sie alle Bewohner bei der Entmüllung der Balkone, nur so kann hier dauerhaft das Ungeziefer aus dem Gebäude entfernt werden.
  • Bitte beauftragen Sie dauerhaft einen Kammerjäger zur Beseitigung des Schädlingsbefalls im gesamten Gebäude.

Aufforderung an die Sozialdezernentin:

  • Wir bitten um umgehende Kontaktaufnahme zum WEG Verwalter und eine gemeinsame Besichtigung der Immobilie nebst Erfassung der schlimmsten Mängel. Dieser Mängelbericht ergeht zur Beseitigungserledigung an alle Eigentümer mit Fristsetzung.
  • Bitte beauftragen Sie das Gesundheitsamt vor allem zuerst die Inaugenscheinnahme der Wohnungen, in denen Kindern leben. Das Gesundheitsamt fordert die Eigentümer auf, alle Hygienemängel aus Vermietersicht zu beseitigen.
  • Bitte beschaffen Sie dringend Ersatzwohnraum für die dort lebenden Familien mit Kindern. Ohne Unterstützung werden diese Familien keinen geeigneten Wohnungen finden.
  • Das Sozialamt erstellt unverzüglich eine Übersicht darüber, wie viele minderjährige Kinder in dieser Immobilie wohnen und erstellt einen Maßnahmenkatalog wie den Familien geholfen werden kann.

Bitte an die Feuerwehr Göttingen:

  • Die Feuerwehr erstellt umgehend eine Liste der eklatantesten Brandschutzmängel am und im Gebäude und übersendet diese an alle Eigentümer mit der Aufforderung zur sofortigen Beseitigung und Fristsetzung.

Wünsche an unsere Ratskollegen:

  • Wir können die Probleme im Hagenweg nur gemeinsam lösen und würden uns daher freuen, wenn aus den anderen Fraktionen Unterstützung hinzukommt.

Mein nächster Termin im Hagenweg ist am 9. April 2021 in der Zeit von 15 bis 19 Uhr geplant.