Fraktion vor Ort: Hagenweg 20/20a

3. Besuch am 09. April 2021

Bericht von Olaf Feuerstein, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion Göttingen

Wie in der letzten Woche den Bewohnern versprochen, war ich auch diese Woche wieder im Hagenweg, diesmal am Freitag, den 9.April von 14.00 bis 17.45 Uhr. Wie bereits erwähnt, möchte ich die Immobilie zu verschiedenen Tagen aufsuchen, um verschiedene Situationen zu unterschiedlichen Tageszeiten aufzunehmen.

Nach meinen beiden ersten Berichten und meinen jeweils formulierten Verbesserungsvorschlägen ist schon einiges passiert. Am letzten Donnerstag wurde mein Vorschlag umgesetzt, das Außengelände von den Müllbergen zu befreien, hierfür herzlichen Dank an unseren Oberbürgermeister und die Verwaltung.

Nach dieser Aktion erreichten mich Danke-E-Mails und einige Anrufe. Alle waren einhellig der Meinung, dass es seit Jahren nicht mehr so ordentlich ausgesehen hat. Eigentlich eine Aufgabe der Eigentümer, aber die diskutieren wohl heute noch, wer denn nun hierfür verantwortlich ist.

Mit unseren Besuchen und unserer Berichterstattung entfalten sich Energien an mehreren Stellen und wir werten es als Erfolg, dass sich nun auch die Sozialverwaltung dem Thema annimmt, wie ich dem heutigen GT-Online-Bericht entnehmen konnte.

Was ist noch passiert? Der erste Pressevertreter von der HNA hat sich bei mir gemeldet und mich sogleich zu diesem Besuch begleitet. Wer wurde noch durch meine Zeilen angestupst? Edgar Schuh von den Göttinger Linken sowie Thomas Danneboom vom Bürgerstammtisch Hagenberg waren ebenfalls hinzugekommen – hierzu später mehr. Viel wichtiger aus meiner Sicht war aber der zugesagte Besuch eines Eigentümers, welcher Rede und Antwort stand.

Von 14.00 bis 15.30 Uhr war ich mit Herrn Caspar von der HNA im Hagenweg unterwegs. Zuerst verschaffte ich mir einen tagesaktuellen Überblick nach der Aufräumaktion der GEB – hierfür vielen Dank an die fleißigen GEB-Mitarbeiter, welche rund ums Gebäude tätig waren. Die Aufräumaktion hat wirklich große Wirkung erzielt, der Unterschied war deutlich erkennbar. Wie einfach die Dinge manchmal sein können, wenn nur ein Wille vorhanden ist.

Während des Rundgangs kamen wir wieder mit verschiedenen Bewohnern ins Gespräch. Bei unserem ersten Gespräch war es recht schwierig. Die Scheibe seiner Balkontür wurde am Vorabend eingeschlagen, der Bewohner noch nicht nüchtern, die Wohnung im völligen Chaos. Auch der hinzu gekommen Freund konnte nur spärlich übersetzen. Warum die Balkontür zertrümmert wurde, konnte nicht geklärt werden, der Bewohner selbst hatte keine Erinnerungen an den Abend davor. Eine Hilfestellung unsererseits eher unerwünscht.

Wir betrachten die Ostseite genauer und hierbei fallen vier Balkone auf, welche vollkommen mit Holz verbarrikadiert sind. Bei meinem Besuch zuvor berichten mir die Mieter, dass die Balkone notgedrungen zu einem weiteren Zimmer umfunktioniert werden, um dem Platzmangel mit einfachen Mitteln etwas zu verbessern, weil die Wohnungen so klein sind. Hierbei ist auch eine Wohnung einer Mutter mit drei Kindern, die ohne diesen Balkonzusatz, welcher jetzt zur Küche geworden ist, ihre Kinder nicht vernünftig unterbringen könnte. Allein die Vorstellung dennoch auf diesen Platzverhältnissen leben zu müssen, macht mich betroffen.

Wir gehen weiter um das Gebäude und sofort öffnet der Bewohner Herr R. seine Balkontür und freut sich über ein ausführliches Gespräch mit uns. Er berichtet uns detailliert, warum hier im Gebäude immer wieder um den Monatsanfang herum Wohnungseinbrüche stattfinden. Immer am Monatsanfang haben einige Bewohner wieder etwas Geld in der Hand und werden somit unfreiwillig zum Objekt der Begierde. In diesem Gespräch wird uns schnell klar, dass die Beschaffungskriminalität ein großes Problem im Gebäude ist und einige Bewohner hier im Hagenweg schleunigst das Gebäude verlassen sollten, sonst kehrt hier keine Ruhe und vor allem keine Sicherheit ein. Für diese brenzligen Situationen haben einige Bewohner ihre ganz eigenen Sicherheitsmaßnahmen getroffen, Details lassen wir hier bewusst weg. Es muss ein beklemmendes Gefühl sein, ständig mit der Furcht eines Einbruchs leben zu müssen. Meine vorherigen Besuche im Hagenweg hatten sich schon bis zu dem Bewohner Herr R. herumgesprochen. Er konnte es kaum glauben, dass ich nun jede Woche kommen werde. Auch der Bewohner Herr R. wohnt beim Göttinger Eigentümer und berichtet, dass die ersten Jahre im Mietverhältnis deutlich besser waren und es sogar Weihnachtspräsente gab. Allerdings haben die Bemühungen des Vermieters in den letzten Jahren deutlich nachgelassen, zurzeit wird so gut wie nichts erledigt.

Wir gehen wieder in Richtung Haupteingang und treffen zwei weitere Bewohner, welche sich mit Fahrradreparaturen beschäftigen. Das Gespräch ist sehr zäh und wenig aufschlussreich. Wir wollen uns den Bewohnern nicht aufdrängen und ich verabschiede meine Begleiter von der HNA für heute – er wird wiederkommen.

Vor dem Haupteingang angekommen, treffe ich auf Edgar Schuh von den Göttinger Linken und Thomas Danneboom vom Bürgerstammtisch Hagenberg. Beide fragen, ob sie mich heute begleiten dürfen, was ich sofort bejahe, habe ich doch dazu am Ende meiner Berichte eingeladen. Ich informiere beide, dass gleich einer der Eigentümer zum Termin vor Ort erscheinen wird und auch prompt erscheint. Der Eigentümer ist sofort einverstanden die Runde um beide Herrn Schuh und Danneboom zu erweitern, was ich positiv finde.

Wir besprechen vor dem Gebäude diverse Punkte zur miserablen Gesamtsituation im und an der Immobilie. Herr XY ist nun der nächste Eigentümer, den ich kennen lerne und daher nenne ich ihn vorerst Eigentümer 2 in diesem Bericht. Eigentümer 2 hat eine komplette Aufstellung seiner Wohnungen dabei sowie Schriftverkehr, welchen er mit der Hausverwaltung geführt hat. Wir dürfen Einsicht nehmen und gehen mit ihm gemeinsam ins Gebäude. Ohne Aufforderung zeigt uns Eigentümer 2 bereitwillig drei renovierte Wohnungen in unterschiedlichen Größen. Auf dem Weg zur ersten Wohnung betreten wir einen Flur, welcher heute in keinem sauberen Zustand ist, der Geruch dort ist heftig, einige Wohnungen sind geöffnet.

Im Flur treffen wir auf zwei völlig alkoholisierte Bewohner, die sich kaum auf den Beinen halten können. Eine der Personen macht uns auf fehlendes Wasser am Waschbecken aufmerksam, Herr Schuh kümmert sich, kann aber keine Abhilfe schaffen. Die Wohnung dieses Bewohners ist in einem katastrophalen Zustand, schlimmer geht es kaum noch. Hinter anderen Türen hören wir deutlich mehrere Kinderstimmen, ein Loch in der Wand im Flur zeigt zudem einen Wasserschaden auf und Wasser dringt aus. Laut Eigentümer 2 ist dies schon länger der Fall. Der Hausverwaltung ist dieser Mangel bekannt, abgestellt wird dieser scheinbar nicht.

Wir schauen uns die renovierte Wohnung an, allerdings sind hier nur die Wände gestrichen worden. Fliesen und Objekte in Bad und Küche werden nicht erneuert. Der Balkon steht voll mit Unrat. Selbst Kellerräume werden landauf, landab liebevoller gestrichen, als hier die Wohnungen. Ausgebildete Maler werden scheinbar nicht beauftragt.

Wir schauen uns die zweite Wohnung an, auch hier selbiges Bild: spärlich renoviert und wieder ein vermüllter Balkon. Auffällig sind die offenliegenden Wasser- und Heizleitungen unterhalb der Decken, wovon keine isoliert ist. Zudem sieht es sehr unansehnlich aus, scheint hier aber unverständlicher Standard zu sein. Auch auf den Fluren das gleiche Bild: alle Heizleitungen liegen frei und unisoliert unter Flurdecken in Griffnähe, wodurch alle Flure völlig überhitzt und übertemperiert sind. Auch hier sparen die Eigentümer an allem, was die Kosten in die Höhe treiben lässt und das bei Mietzinsen von circa 20 – 25 Euro auf den Quadratmeter.

Wir schauen uns die dritte Wohnung im Obergeschoss an, welche deutlich größer als die vorherigen Wohnungen ist. Der Balkon wurde aufwendig renoviert, allerdings ist zur Nachbarwohnung die Glasabtrennung zertrümmert. Auf Nachfrage bei dem Eigentümer 2, ob die Wohnung sofort vermietbar sei und dies bejaht wurde, schauten wir uns angesichts des völlig vermüllten linken Balkons fragend an. Hier türmte sich der Müll mindestens einen Meter auf und dürfte sicherlich schon seit Jahren dort liegen. Auf die nächste Nachfrage, warum der Balkon nicht geräumt wird, entgegnet uns der Eigentümer 2, dass er nur für die Wohnung (sog. Sondereigentum) zuständig sei und der Balkon in das Allgemeineigentum falle und somit Sache des Verwalters wäre. Wir sind nach dieser Erklärung fassungslos.

Angesichts dieser Kompetenzrangeleien braucht man sich als Außenstehender nicht wundern, dass in diesem Gebäude viele Dinge nicht erledigt werden. Diese Hin- und Herschieberei der Verantwortlichkeiten ist schon pathologisch, in diesem Haus verdient keiner der Eigentümer das Prädikat, ein pflichtbewusster Eigentümer zu sein. Von Artikel 14 des Grundgesetzes sind wir hier weit entfernt.

Wir befragen den Eigentümer 2, welche Aufwendungen in Euro er für diese drei Wohnungen getätigt hat und sind erneut sprachlos. So klein ist die Summe, welche im Minimum jeweils in nur eine Wohneinheit hätte fließen müssen. Minimaler Aufwand trifft auf maximales Ergebnis. Wenn man dann noch genauer hinhört und erfährt, dass jede in der Wohnung lebende Person die Kosten der Unterbringung in voller Höhe erstattet bekommt und an den Vermieter abführt, ist das Handeln mit Wertpapieren im Vergleich dagegen langweilig, die Renditen hier im Hagenweg sind vielversprechender. Diese Methode ist in der Groner Landstraße 9a/9b ebenfalls ein erfolgreiches Geschäftsmodell auf dem Rücken der Mieter und geht voll zu Lasten der städtischen Ausgaben sowie der Steuerzahler. Es gehört umgehend abgeschafft, nur so verlieren solche Spekulationsobjekte an Attraktivität.

Wir beenden unsere Runde zu viert und ich vertiefe mein Gespräch mit dem Eigentümer 2 unter vier Augen. Natürlich höre ich mir aus seine Sicht der Dinge an. Wer nun im Geflecht zwischen Eigentümern, WEG-Verwalter und den Hausmeistern der Buhmann ist, ist für mich völlig klar. Ich möchte allerdings weitere Gespräche mit Eigentümern und Mietern in den nächsten Wochen führen, um noch mehr Fakten zu sammeln. Das Ziel muss es sein, alle an einen Lösungstisch zu bekommen, das habe ich den Mietern versprochen. Natürlich gibt es unter den Bewohnern auch schwarze Schafe, diese sind allerdings in der Minderheit und müssen aus meiner Sicht das Gebäude verlassen, sonst kehren hier dauerhaft keine vernünftigen Umstände ein.

Heute formuliere ich keine neuen Forderungen, zu viele sind aus meinen ersten beiden Berichten noch offen und nicht erledigt. Aber auch positives ist zu vermelden: die Müllberge sind verschwunden und 110 Einkaufswagen sind wieder bei den benachbarten Nahversorgern. Viele freundliche und sachliche Gespräche mit den Bewohnern bestätigen mich, hier richtig zu sein und selbst zwei Vermieter haben schon freiwillig Kontakt zu uns aufgenommen. Es geht voran, aber nur sehr langsam. Vielleicht schafft es unsere Sozialdezernentin vor dem 26. September 2021 auch vor Ort dabei zu sein und kurzerhand mit anzupacken diese Missstände zu beseitigen.

Mein nächster Besuch im Hagenweg ist für den kommenden Samstag, den 17. April 2021 zwischen 14.00 und 17.00 Uhr geplant.