Fraktion vor Ort: 11. Besuch im Hagenweg 20/20a am 01. Juni 2021

Bericht von Jasmin Smilge, Geschäftsführerin der CDU-Ratsfraktion Göttingen

Liebe interessierte Leser,

die Dokumentation und Berichterstattung vom Schreibtisch aus, die ich gemeinsam mit Olaf Feuerstein nach seinen Besuchen vor Ort in den letzten 12 Wochen bearbeitet habe, gibt schon umfangreiche Einblicke in die Probleme der Immobilie und die Schicksale der dort lebenden Menschen. Dennoch sind die Angelegenheiten für Außenstehende gelegentlich nicht ganz greifbar. Daher habe ich mich entschlossen, Olaf Feuerstein bei einem Besuch zu begleiten, um mir ein persönliches Bild von der Situation zu machen.

Mich hat es vor dem ersten Besuch schon etwas Überwindung gekostet und auch ein wenig Mut, was vermutlich viele Menschen so empfinden würden, denn die Hülle und der Ruf des Gebäudes sind bekanntlich nicht sonderlich verlockend, was die dort lebenden Menschen aber wirklich nicht verdient haben. Denn mit dem heutigen Besuch kann ich bestätigen, dass wir von jeder dort lebenden Person, die wir getroffen haben, freundlich und dankbar empfangen wurden.

Für den heutigen Dienstag, den 01. Juni 2021 war der Kammerjäger – welcher wöchentlich kommt – angekündigt, welchen wir um kurz vor 9.00 Uhr bei unserer Besichtigung um das Haus auf dem Parkplatz an den Tiefgaragen getroffen haben. Sofort fiel mir in dem Gespräch auf, mit welcher Routine er seine Tätigkeit in der Immobilie ausführt, während ich bekümmert in das dunkle Loch der Tiefgarage schaute. Darin war kein Unrat zu entdecken, es wirkte aber auch nicht wirklich einladend, mit etwas Licht würde es vermutlich halb so bedrückend wirken. Seitlich der Einfahrt stand ein kleiner Haufen Sperrmüll, allerdings wird dieser bereits am nächsten Donnerstag abtransportiert. Die unzähligen defekten Möbel und Altgeräte auf den Balkonen und in den Wohnungen, die ich erblicken konnte, lassen erahnen, dass immer wieder Sperrmüll anfallen wird. Umso besser ist es, dass ein regelmäßiger Abtransport stattfindet und die Bewohner eine Sammelstelle dafür nutzen! Verunreinigungen oder Müll konnte ich um das Gebäude und auch auf dem Vorplatz nicht mehr entdecken, wobei dieses Areal nicht wirklich freundlich wirkt, obwohl es seitlich und rückseitig von Grünflächen und vielen Bäumen umgeben ist. Bänke mit Tischen sowie ein kleiner Kinderspielbereich mit einem Sandkasten würden das Umfeld aufwerten und den Kindern eine Perspektive zum Spielen im Freien schaffen. Die Rückseite des Gebäudes würde sich perfekt dafür eignen und eine andere Aufenthaltsqualität bieten. Diesen Vorschlag werden wir in den nächsten Tagen schriftlich den Eigentümern unterbreiten.

Nach Betreten des Gebäudes und den ersten Kontakten mit den Bewohnern wird eines schnell klar: Willkommen im Mikrokosmos Hagenweg 20! Hier ist nichts so, wie wir es aus anderen Hochhaus- und Gebäudekomplexen in Göttingen kennen… Die Hausflure im Erdgeschoss sind dunkel, die darüber liegenden Hausflure sind mit Tageslicht versorgt, dennoch wirkt alles trist. In fast jedem Gang gibt es geöffnete Stellen in den Wänden, wo anscheinend notdürftige Reparaturen vorgenommen wurden, wenn das Wasser abermals aus den Decken gekommen ist. Abgeschnittene Elektrokabel sind in den offenen Stellen auch zu entdecken. Die Decken in der obersten Etage sind nicht verkleidet, die Leitungen sind nicht isoliert. Fließen und Böden beschädigt. Wohnungstüren sind defekt und schließen nicht, sodass der Diebstahl- und Sicherheitsaspekt nicht gewährleistet ist.

Und mittendrin treffen wir immer wieder Kinder im Kleinkind- bis Grundschulalter, mit und ohne elterliche Begleitung. Ich stelle mir die Frage, warum diese Kinder zu dieser Tageszeit nicht in einer Krippen- oder Kindertagesstätteneinrichtungen und Schulen sind… Vielleicht etwas provokant stelle ich anheim, dass mit dem täglichen Einsatz von Sozialarbeitern und Mitarbeitern aus den Jugendämtern dazu beigetragen werden könnte, dass die Kinder eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in den Betreuungseinrichtungen, die Chancengleichheit durch Sprachförderung oder weitere bedarfsgerechte Angebote erhalten würden.

Während wir den Kammerjäger in seiner Tätigkeit begleiten, treffen wir auf Menschen mit Schicksalsgeschichten, die offen darüber sprechen, aber auch auf Menschen, die den Kontakt meiden und ihre Türen nicht öffnen. Der Kammerjäger ist seit vielen Jahren im Hagenweg 20 und seit einiger Zeit auch einmal die Woche dort tätig. Zu jeder Haustür die er gemäß seiner heutigen Liste ansteuert, kann er etwas zum Verhalten und den Lebensumständen der Bewohner berichten. Er weiß, wie er die Menschen ansprechen muss, kennt auch die Gepflogenheiten unter den Bewohnern und die aktuelle Situation des Ungezieferbefalls in den jeweiligen Wohnungen. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Bewohner den Zutritt zu ihren Wohnungen erlauben, auch wenn die Reparaturnot groß oder der Schädlingsbefall vorhanden ist. Die Bewohner sprechen mit dem Kammerjäger in einer Vertrautheit, sodass sich für mich bestätigt, dass der regelmäßige Kontakt und der konstante Ansprechpartner ein Schlüssel dafür sind, etwas zum Positiven zu bewegen.

Die Wohnungen, in welche wir heute mit Einverständnis der Mieter Einsicht nehmen durften, waren ganz unterschiedlicher Natur. Von desolaten Zuständen und einer Art Verwohnung, über saubere und aufgeräumte Wohnungen mit dürftigen Ausstattungen. Die sanitären Installationen waren jedoch in vielen Wohnungen notdürftig, teilweise nicht nutzbar. In zwei Fällen, die heute besichtigt wurden, war jedoch klar, dass der Kammerjäger erst tätig werden kann, wenn die Wohnungen einmal geräumt werden. Kurzerhand beschloss Olaf Feuerstein gemeinsam mit Helfern, die sich bereits für Unterstützungsaktionen angeboten haben, diese Wohnungen in den nächsten Tagen auszuräumen. Die Bewohner waren sehr dankbar für die angebotene Hilfestellung und der Kammerjäger erklärte ihnen den zeitlichen Ablauf seiner Arbeit, damit sie an seinem Einsatztag für ungefähr acht Stunden den Wohnungen fernbleiben.

Auf der gesamten Tour durch das Haus wird Olaf Feuerstein immer wieder angesprochen, er ist inzwischen bekannt und die Bewohner haben Vertrauen gefasst. In jedem Gespräch wird deutlich, dass sie gegenüber den Vermietern und Eigentümern nur noch Unmut empfinden und wenig Hoffnung in eine dauerhafte Besserung der Wohnumstände haben. Auffällig war jedoch, dass niemand seine Unzufriedenheit gegenüber der Stadtverwaltung oder politischen Kräften geäußert hat. Wieso eigentlich nicht? Ich erinnere mich an die Zeit Mitte bis Ende der 80`er, als der Hagenweg 20 ein normales Wohnhaus war und auch von Studenten mit Kindern bewohnt wurde. Aus persönlicher Erinnerung, die ich heute auch mit einem Bewohner, welcher seit 35 Jahren im Hagenweg 20 lebt, teilen konnte, war es ein schöner, friedlicher und gepflegter Ort! Heute finde ich eine Immobilie vor, welche die breite Palette an baulichen Mängeln aufweist, die Wohnzustände teilweise menschenunwürdig sind und die sozialen Themenschwerpunkte jedem bekannt. Über Jahrzehnte haben sich die Zustände verschlimmert, was hat die Stadtverwaltung unternommen und wieso hat sie diesem Verfall so zugesehen? Und nicht zuletzt entsteht für mich die Frage, was unternimmt die Sozialdezernentin jetzt, seitdem das Thema wieder mehr in den Fokus gerückt wurde? Ich würde mir wünschen, dass erste pragmatische Lösungen für die dort lebenden Kinder und ihre Familien gesucht und zeitnah umgesetzt werden. Diese werde ich mit Olaf Feuerstein besprechen, um weitere Anträge vorzubereiten, in der Hoffnung, dass sich politische Mehrheiten zusammenfinden und die Anträge unterstützen. Perspektivisch sehe ich eine Verbesserung des baulichen Zustandes nur in dem eingereichten Ratsantrag für die Sitzung am 18. Juni 2021, wonach die Städtische Wohnungsbau als Gesellschafterin der Stadt Göttingen die Wohnungen dieser Immobilie sukzessive in den eigenen Bestand nimmt. Viele andere Probleme und Missstände sind nur zu minimieren oder zu beseitigen, indem Energien aus allen Ressourcen gebündelt werden, Ansprechpartner beständig anwesend sind und Handlungsbevollmächtigte mitwirken! Ferner benötigen wir für die sozialen Schwierigkeiten eine Art von Lebenshilfe. Ich bin sehr auf die Übersicht unserer Sozialdezernentin gespannt, welche im vergangenen Sozialausschuss vollmundig von bereits zum Einsatz kommenden Unterstützungsangeboten/Einrichtungen in den Problemimmobilien gesprochen hat. Bislang hat Olaf Feuerstein zu seinen Besuchen diese hilfestellenden Personen nicht gesehen…

Herzliche Grüße,

Ihre Jasmin Smilge