Fraktion vor Ort: 10. Besuch im Hagenweg 20/20a am 27. Mai 2021

Bericht von Olaf Feuerstein, Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion Göttingen

Liebe interessierte Leser,

in den letzten 14 Tagen habe ich einige Hintergrundgespräche außerhalb des Hagenwegs geführt und hoffe, auch hier ein Stück weiter zu kommen, um die Verhältnisse im Haus nachhaltig zu verbessern. So hat zum Beispiel die WEG Versammlung aller Eigentümer am 17. Mai 2021 stattgefunden, unter anderem wurde hier die längst überfällige Dachsanierung beschlossen.

Insgesamt aber bleibt festzuhalten, dass die dringend nötigen weiteren Instandsetzungsarbeiten viel zu schleppend in Gang kommen und das Konstrukt einer WEG eine Fußfessel sondergleichen ist. In den nächsten Tagen ergeht ein umfangreiches Schreiben von mir an alle 19 Eigentümer, worin ich detaillierte Sanierungsforderungen nennen werde, denn mittlerweile kenne ich mich im Gebäude und in den vielen Wohnungen gut aus. Das Schreiben werde ich als offenen Brief verfassen, vorerst ohne die Eigentümernamen zu veröffentlichen. Das Tempo der Schadensbeseitigungen ist derart langsam, dass den Bewohnern allesamt eine Geduldsmedaille am Bande verliehen werden könnte. Eigentlich müsste jeder Eigentümer verpflichtet werden, eine Woche unter den gleichen Bedingungen wie deren Mieter dort zu wohnen, nur so würde sich schneller etwas an den dortigen Zuständen ändern. Die dortigen Mieter haben leider keine Lobby, also werde ich diese Rolle solange übernehmen, wie es nötig ist.

Aber nun zu meinem 10. Besuch am vergangenen Donnerstag. Schon 150 Meter vor dem Hagenweg 20 drehen sich vier Bewohner um und freuen sich mich zu sehen. Sofort werde ich nach dem Reparaturstand in Wohnung 134 befragt. Ich vertröste kurz und schaue später wieder vorbei. Wie immer starte ich mit einem Rundgang um das Haus herum und freue mich erneut, denn wie bei den letzten Besuchen hat sich der Gesamtzustand in Sachen Sauberkeit positiv gehalten. Vor der Tiefgarage kann ich keinen Fitzel Müll entdecken, auch bei den sechs großen Mülltonnen herrscht Ordnung, kein Müll vor den Tonnen. Allen Unkenrufen in den sozialen Netzwerken zum Trotz hält dieser Zustand schon im vierten Monat an… Ausdauer zahlt sich aus… ich bin zufrieden.

Auch im Gebäude sind die Flure sauber und frei von Unrat. Im rechten Gebäudeteil wurde tatsächlich der Wasserschaden im Flur behoben. Dieser breitete sich über drei Etagen aus und das Wasser lief in diverse Wohnungen. Zugegeben, die Reparatur ist „Auf Putz“ schon etwas eigenwillig, aber immerhin ausgeführt. Und letzteres ist auch wieder ein Problem. Viele Handwerksfirmen verweigern im Hagenweg 20 die Arbeiten auszuführen, dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach neuen Handwerksfirmen. Sicherlich ist es schöner im Ostviertel eine Wasserleitung zu reparieren, allerdings gibt es keinen vernünftigen Grund im Hagenweg keine Aufträge anzunehmen, das gilt auch für viele andere Gewerke. Die ausführende Firma hat weitere Aufträge abgelehnt und nach dieser Reparatur das Haus verlassen, obwohl weitere Arbeiten auszuführen waren, was sich später zeigen sollte. Hiermit richte ich einen dringenden Appell an alle örtlichen und regionalen Handwerksfirmen bei Reparaturanfragen durch die Boneo nicht gleich alle Aufträge abzuwimmeln, sondern besonders im Interesse der Mieter dort tätig zu werden und die dringend notwendigen Arbeiten auszuführen… nur so können viele Hände und Helfer gemeinsam die dortigen Zustände schneller beseitigen.

Ich bin im rechten Gebäudeteil zu Gast bei einem spanischen Hausbewohner und wir tauschen uns zu diversen Problemen im Haus aus. Die Wohnung von Herrn B. ist tipptopp gepflegt, er zeigt mir stolz seine 38 m2. Bei ihm auf dem Flur ist die Nachbarschaft in Ordnung, dass merke ich sofort, als mehrere Türen sich öffneten und wir nett plauderten. Am Ende des Flures ist allerdings eine seit Monaten völlig verrammelte Wohnung. Auf meine Frage, wer dort wohnt, erfahre ich das der Bewohner verstorben ist, aber die Wohnung noch nicht geräumt wurde. Eine merkwürdige Situation, die ich nächste Woche bei der Hausverwaltung genauer erfragen werde.

Auch schaue ich wieder bei Herrn R. in der Wohnung vorbei, welcher mich wie immer freundlichst hereinlässt. Heute sprechen wir über alles Mögliche. Mittlerweile ist die Wohnung nicht mehr überhitzt und die Heizkörper sind ausgeschaltet. Herr R. lebt hier in einem Zweiraum-Apartment auf circa 38 m2 und zahlt 590 Euro Miete! Für eine Wohnung in diesem Zustand und mit diesen Mängeln – unfassbar. Anfangs lag die Miete bei 420 Euro. Was mich allerdings fassungslos macht, ist die Tatsache, dass für diese Wohnung noch 800 Euro Mietkaution zu erbringen waren. Ungeheuerlich! Eigentlich müsste man hier dem Mieter 800 Euro Sicherheit geben, überhaupt einen solche Wohnung anzumieten. Auch diesen Punkt werden ich in meinem Anschreiben an alle Eigentümer kritisieren. Im rechten Gebäudeteil bin ich nach anderthalb Stunden durch, anschließend schaue ich nach den Mietern und Reparaturfortschritten im linken Gebäudeteil und hier trifft mich heute der Schlag!

Zwischen Wohnung 109 und 110 klafft seit Monaten ein großes Loch – hier wurde sich schon an der Reparatur der Wasserleitung versucht. Heute allerdings tritt das Wasser pulsierend aus der Wand, der halbe Flur steht unter Wasser. Aufgeregte Mieter haben gehört, dass ich im Haus bin und suchen völlig aufgebracht nach mir. Ich gehe mit ihnen eine Etage tiefer in die Wohnung 73, welche genau unterhalb der Leckage liegt. Hier läuft das Wasser aus den Deckenlampen in die Wohnungen. Die Mieter versuchen die Wassermengen mit diversen Schüsseln aufzufangen, was kaum gelingt. Das Wasser läuft auch in diverse andere Wohnungen. Den Frust der Mieter kann ich vollends verstehen und kümmere mich sofort. Ich rufe Frau B. von der Hausverwaltung an und informiere zu dem bekannten Problem, dass heute extrem viel Wasser aus der offenen Wand dringt, was so über Nacht nicht bleiben kann. Ich bitte Frau B. einen Notdienst zu organisieren, was aber leider nicht gelingt. Allerdings hat es Frau B. um 21.40 Uhr geschafft, einen Notauftrag für den Folgetag bei einer neuen Firma zu platzieren. Tatsächlich wurden die dringenden Arbeiten am Freitag ausgeführt. Die daraus entstandenen Schäden in den Wohnungen schaue ich mir in den nächsten Tagen genauer an. Aus meinem kurzen Besuch im Hagenweg wird ein langer Abend, aber ich bin froh, dass ich wieder vor Ort war und helfen konnte.

Weiterhin schaue ich mir die restlichen Etagen im linken Gebäudeteil an und stoße auf zwei völlig verwahrloste Wohnungen mit den Nummern 75 und 46. Ich bin schockiert! In beiden Wohnungen ist keine funktionierende Eingangstür mehr im Rahmen. Ich schaue mir beide Wohnungen genauer an und bin fassungslos. Beim Anblick dieser Wohnungen kann man den Mut verlieren und glauben, hier nicht die Kehrtwende zu schaffen, allerdings sind das nur Momentaufnahmen und Einzelfälle im Verhältnis zu anderen Wohnungen, die ich im Topzustand erleben durfte. Es kommt ein Nachbar hinzu und berichtet mir, dass eine dieser beiden Wohnungen sogar dauerhaft bewohnt ist, für mich unvorstellbar wie das unter diesen Umständen funktionieren kann. Ich werde an dieser Wohnung nun des Öfteren vorbeischauen und hoffentlich den Bewohner mit seinen Problemen vielleicht näher kennenlernen, so verlasse ich diese Wohnung vorerst etwas ratlos.

Am Ende meines Rundgangs kommt ein weiterer Mieter auf mich zu. Ich will mich vorstellen, was sich aber erübrigt. Es hat sich auch bis zum Herrn R. herumgesprochen, wer ich bin und, dass ich tatsächlich regelmäßig anzutreffen bin. Herr R. ist ein sehr ruhiger, freundlicher, aber etwas scheuer Mieter und wollte mich schon beim letzten Mal ansprechen. Er bittet freundlichst um Hilfe, den Kammerjäger in seine Wohnung und die seines Nachbarn zu bekommen, denn durch die umliegenden Wohnungen gelangen immer wieder Kakerlaken automatisch auch in die Nachbarwohnungen. Ich nehme diesen Wunsch auf und leite diesen gleich schriftlich an die Boneo weiter. Einen Tag später erhalte ich die Zusage, dass beide Wohnungen beim nächsten Rundgang mit auf die Erledigungsliste genommen werden. Das passt insofern perfekt, da am kommenden Dienstag der Kammerjäger wieder im Hagenweg 20 ist und ich mich mit diesem zu einem gemeinsamen Rundgang verabredet habe.

Für die nächste Woche habe ich zwei Besuche im Hagenweg eingeplant, am Dienstag mit dem Kammerjäger und am Donnerstag mit einem bekannten Göttinger Journalisten, der einen Folgebericht zum Hagenweg 20 schreiben möchte.

Für heute verbleibe ich mit optimistischen Grüßen aus dem Hagenweg,

herzlichst,

Ihr Ratsherr Olaf Feuerstein